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Dr. Andreas Angerstorfer

Die Geschichte bis zum Holocaust
Teil II - Von der Vertreibung der Juden aus Regensburg 25. Februar 1519 bis zum Holocaust


Ab 1669 lebten wieder vereinzelte Juden in Regensburg. Hier wirkte Rabbi Isaak Alexander (1722-1802), der als erster Jude philosophische Werke in Deutsch publizierte. Über 140 Jahre fand im Haus Lit. B. Nr. 91 Hinter der Grieb das Gebet statt.

1813 machte das bayerische Judenedikt die Regensburger Juden zu Staatsbürgern, doch bezweckten die auferlegten Niederlassungs- und Heiratsbeschränkungen (nur 17 Matrikel) eine Verminderung der jüdischen Bevölkerung. 1822 wurde der heute noch bestehende Friedhof,  1832 eine jüdische Volksschule eingerichtet.

Am 2. April 1841 weihte die Gemeinde im alten Patrizierhaus der Steyerer (untere Bachgasse) einen Betsaal ein (1938 abgebrochen). Zwischen 1861 und 1871 wuchs sie von 150 auf 430 Mitglieder an. Unter Rabbi Dr. Seligmann Mayer (1882-1925) wurde das Stadtrabbinat zum Distriktrabbinat erhoben.




Als 1907 der Betsaal wegen Einsturzgefahr geschlossen wurde, erlaubte die Stadt
einen Synagogen- neubau an der Schäffnerstraße 2, der am 29.8.1912 eingeweiht wurde (290 Männer- und 180 Frauenplätze). Daneben entstanden ein Gemeindehaus mit Betsaal, eine jüdische Volkshochschule (bis 1942), ein Sitzungssaal, eine Wohnung für Kantor, Kultusdiener und Hausmeister und ein Ritualbad.




Die Gemeinde hatte mehrere Vereine:
für jüdische Geschichte und Literatur,
Talmudkreis,
Frauenverein,
4 Fürsorgevereine,
2 Fürsorgefonds,
jüdischer Hilfsverein,
Jugendverein,
Sportklub,
„Phönix“-Gesellschaft und Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten.
Aber schon 1924 und 1927 wurde der Friedhof geschändet, der Aufstieg des Nationalsozialismus kündigte sich an. Am 29.März 1933 begann in Regensburg der Judenboykott, ein Maschinengewehr bedrohte Kunden im Kaufhaus Merkur vom Neupfarrplatz aus. 107 jüdische Mitbürger wurden in der Augustenburg inhaftiert (im Nazijargon: „Sie begaben sich in Schutzhaft“). Parteigenossen erhielten ein „Verzeichnis der jüdischen Firmen und Geschäfte“. 1933 wurde Heinrich Kahn ins KZ Dachau gebracht, weil er sich in einem Café unter eine Hitlerbild gesetzt hatte.

Die Nazis terrorisierten Einzelpersonen (3 Regensburger wurden wegen „Rassenschande“ verhaftet); überfallartige Schlägeraktionen schalteten den jüdischen Anteil am Regensburger Geschäftsleben aus (Ende 1934 am Städtischen Markt; Ende 1936 im Städtischen Schlachthaus). Eine zionistische Ortsgruppe bereitete ca. 100 Leute auf die Auswanderung nach Palästina vor. Insgesamt glückte 233 Personen die Emigration.

  Von langer Hand  vorbereitet wurde in der sog. „Reichskristallnacht“ (9./10. November 1938) die Synagoge am Brixnerhof verbrannt, die Juden auf die Straße getrieben, die jüdischen Geschäfte von SS, SA und NSKK demoliert und geplündert. Die jüdische Bevölkerung wurde auf den Polizeirevieren am Jakobstor und am Minoritenweg gefangen gehalten.
Gegen 5 Uhr morgens brachte man ca. 90 Personen (von 15 bis 80 Jahren) in die Motorsportschule des NSKK an der Irler Höhe und zwang sie zu „Robben“ und anderen Schikanen. Gegen 11 Uhr ging ein „Schandmarsch“ durch Regensburg (Maxstraße), bei dem einige Regensburger Bürger die Juden (darunter Kinder) bespuckten, schlugen mit Steinen bewarfen.
Ein vollbesetzter Omnibus wurde ins KZ Dachau gefahren, 244 weitere Personen wurden im Landgerichtsgefängnis inhaftiert. J. Lilienthal starb an den Folgen der Torturen der Kristallnacht. Die Ruine der Synagoge musste auf Kosten der jüdischen Gemeinde abgetragen werden. In der Folgezeit fielen die letzten jüdischen Geschäfte und Häuser der „Arisierung“ anheim; das Geld lag auf einem Devisensperrkonto in Nürnberg.

Einkaufen war den Juden ab 1940 nur noch in zwei Geschäften von 13 bis 14 Uhr erlaubt. Eigens erlassene Sondervorschriften verboten den Juden das Einkaufen von Zwiebeln, das Halten von Radios, Kanarienvögeln und sonstigen Haustieren. An der Kleidung musste der gelbe Stern (im Nazijargon „Judenstern“) getragen werden. Im April 1942 erfasste die sog. „Endlösung“ die Stadt an der Donau. Am 2. April 1942 fuhren 106 Regensburger Juden (vom Kleinkind bis zu 65 Jahren) vom Platz der zerstörten Synagoge aus nach Piaski (ein Durchgangslager bei Lublin, Polen); sie wurden alle im Vernichtungslager Belsec ermordet. Eine Familie wurde am 15.Juli nach Auschwitz geschickt.

Am 23. September 1942 wurde das Altersheim (Weissenburgerstr 31) geräumt; 39 jüdische Bürger (über 65 Jahre) fuhren ins KZ Theresienstadt (aus dem Stapobezirk insgesamt 117). Die Zahlen erfassen nur Personen, die in Regensburg- Stadt mit 1. Wohnsitz gemeldet waren. 3 Telegramme der Gestapo Würzburg darüber sind erhalten; das dritte teilte SS-Ober- Sturmbannführer Eichmann persönlich mit, dass die Regensburger Juden in Theresienstadt seien. Die Deportationskosten dieser „Wohnsitzverlegung“ in die Vernichtungslager bzw. nach Theresienstadt mussten die Opfer selber bezahlen, die begleitende Wachmannschaft kassierte noch 684,50 RM Reisekosten. Die letzten 10 Juden, die in Mischehe mit einem christlichen Partner lebten wurden noch am 15. Februar 1945 ins KZ Theresienstadt verschleppt; diese blieben am Leben.

Ca. 200-250 Regensburger Juden fielen dem Holocaust zum Opfer.