Home > Geschichte > Bis 1519

Bis 1519

Dr. Andreas Angerstorfer

Die Geschichte bis zum Holocaust
Teil I - Bis zur Vertreibung der Juden aus Regensburg 25. Februar 1519


Eine Jüdische Gemeinde existiert in Regensburg mindestens seit dem 10.Jahrhundert innerhalb der Mauern des alten Römerlagers. Legenden verhüllen alle Anfänge, auch die der Talmudschule.

Nachrichten des 10. und 11.Jahrhunderts über die Regensburger Judengemeinde haben mit dem Kloster St. Emmeram zu tun. Um 1000 ist ein geschlossenes Judenquartier mit einer voll strukturierten Gemeinde anzunehmen, die in dem Waldstück Argle (bei Großberg) einen Friedhof gehabt haben soll. Es gab eine Synagoge, eine Schule und ein Zivilgericht. Im 11.Jahrhundert erreichte die Gemeinde ihre erste Blütezeit. Ca. 1050 handelten jüdische Geschäftsleute aus Regensburg mit Russland und Ungarn. Der Mönch Arnold von Vohburg vermerkte 1030 die erste Disputation von Juden und Christen in Regensburg.

Um 1080 wirkte hier Rabbi Menachem ben Mekhir, Talmudist und berühmter liturgischer Dichter, von dem ca.20 Texte erhalten sind. 1096 mordeten fanatische Kreuzfahrerhaufen die Gemeinden in Rheinland; die Regensburger Gemeinde wurde 1096 in der Donau geschlossen zwangsgetauft, im folgenden Jahr kehrte sie durch ein Privileg Heinrich IV. zu ihrem angeborenen Glauben zurück. 1107 verpfändete Bischof Hermann von Prag Gold und Pallien bei den Regensburger Juden; Geld spielte auch eine Rolle bei Konvertitenstreitigkeiten (z.B.1137) Ca.1150-1170 war hier eine bedeutendes Rabbinatskollegium:
Rabbi Isak ben Mordechai (Ribam) schrieb viele Tosafot (Randglossen zum Talmud).
Rabbi Efraim ben Isaak (,,Efraim der Große aus Regensburg“) war der hervorragendste jüdische Gelehrte seiner Zeit in Deutschland. Ein sehr freier, unabhängiger Charakter unter den Talmudisten, stellte er mehrere halachische Lehrsätze auf und setzte sich von den Lehrtraditionen Frankreichs ab. Auf ihn gehen viele Tosafot und die Gewürzbüchse (beim Sabbatausgang) zurück. 32 hochstehende liturgische Dichtungen bliebenerhalten. Talmudschüler aus Mainz, Worms und Bonn studierten bei ihm in Regensburg, wo er 1175 starb.

Beschränkungen in der Handwerksausübung führten zum Rückzug auf Geldgeschäfte (Pfandleihe), am Handel waren Juden immer weniger beteiligt. Im September 1182 erteilte Kaiser Friedrich I. der Regensburger Gemeinde das Judenprivileg (Handel mit Gold, Silber, allen Metallen und Handelsgegenständen), das Friedrich II. 1216 und Heinrich VII. 1230 bestätigten. Die Gerichtsbarkeit über die Juden besaß die Stadt (2 christliche Richter).

Ca 1180 brach Rabbi Petachjah ben Jakob ha-Laban von Regensburg aus zu seiner Weltreise auf. Er ging über Prag, Polen, Kiew, die Ukraine, die Krim, Ararat, Bagdad, Nisibis, Harran, Hamat, Aleppo, Damaskus nach Galiläa, Jerusalem, Hebron, Mamre. Über Griechenland kehrte er nach Böhmen zurück; später wurde in Regensburg sein Werk Sibbub (,,Rundreise“) redigiert.

1195/96 kam Rabbi Jehuda ben Samuel he-Chasid (,,Jehuda der Fromme“) nach Regensburg und gründete eine berühmte Talmudschule. Regensburg wurde für einige Jahre Zentrum jüdischer Theologie.

Die großen Gelehrten der Zeit absolvierten in der Donaumetropole ihre Studien. Handschriften der Werke Jehudas existierten in Paris, Oxford und Moskau. Hier schrieb er viele Exempla des ,,Buchs der Frommen“ und bedeutende theologische Werke, v.a. Kommentare, von denen vieles verloren ging. Am 22. Februar 1217 starb R. Jehuda und wurde in Regensburg begraben. Die Stadt war eine Hochburg der pietistischen Bewegung der Haside Aschkenaz (,,der Frommen Deutschlands“) und ihrer großartigen Ethik geworden. Ende des 12. Jahrhunderts lebten hier Gelehrte wie Rabbi Isaak ben Jakob ha-Laban und Baruch ben Isaak.

Abraham ben Mose der große gab 1214/15 einer Witwe die Erlaubnis zur Wiederheirat, obwohl die Leiche ihres beim einem Schiffsuntergang vermissten Mannes nicht gefunden worden war ein Kuriosum der Rechtsgeschichte. Am 24.9.1210 kaufte Abraham (ben Mose) vom Kloster St. Emmeram die ,,Emmeramer Breitn“ zur Errichtung eines neuen jüdischen Friedhofs (zwischen Peterstor und Galgenberg). Dazu erwarb man am 10.12. 1225 vom Kloster Obermünster eine Hofstatt, vermutlich als Gelände zum Synagogenbau.

Die Klage des Abtes von St. Emmeram beim Papst (vom 31.3.1227) bestätigt bzw. unterstellt, dass eine neue Synagoge gebaut worden sei. Die Gemeinde hatte 1230 eine Synagoge (mit 300 Sitzplätzen), eine Talmudhochschule, eine Schule ein rabbinisches Gericht, Gemeindehaus, Hospital, Ritualbad und Friedhof. An das Ghetto am Neupfarrplatz erinnern alte Namen wie Judensteg, Judentor, Judenbrunnen und Judengasse (jetzt Residenzstraße). Es hatte ca. 40. Wohneinheiten, diese waren ummauert („Judentürl“). Steuern der Gemeinde nahmen der Kaiser, der Bischof von Regensburg, der bayerische Herzog und die Stadt (sie hatte Judenschutz und Polizeigewalt).

Bei den Regensburgern Juden liehen Geld Klöster (z.B. Prüfening), Herzöge, Adelige, Kaufleute, die Stadtkasse und mehrfach sogar die Hanse. 1297 kaufte der Salzburger Bischof mit Geld von Regensburger Juden die Grafschaft Gastein.

Unter dem Druck von Konzilien (v. a. 4. Laterankonzil 1215) und Päpsten kam es zu strikter Trennung von Juden und Christen in Regensburg. Gefordert wurde die Judentracht. Gesellschaftliche Kontakte und Religionsgespräche wurden verboten (1233), wie Berthold von Regensburg propagierte, für den „Juden und Wucherer“ synonym sind. In der Karwoche durften sich Juden in der Öffentlichkeit nicht mehr zeigen. Die „Judensau“ am Dom ist auch in Regensburg eine mittelalterliche Selbstverständlichkeit. Dennoch überstand die Regensburger Gemeinde unbeschadet, die Verfolgungswellen (1298 mordet der Haufen des Edelmannes Rindfleisch 146 jüdische Gemeinden in Bayern und Franken; 1338 Ermordung der Juden von Deggendorf und Straubing aufgrund eines inszenierten „Hostienfrevels“, Vertreibung der Juden aus ganz Niederbayern). Die Pestwelle 1348/49 führte zum Vorwurf der Brunnenvergiftung und zur Vernichtung von über 350 Judengemeinden (ca. 12000 Tote). In Regensburg verbündeten sich 254 Bürger zum Schutz der Juden gegen die lynchsüchtige Menge. Überlebende Juden aus Augsburg, Nürnberg und Österreich gingen nach Regensburg.

Von 1356 stammt der Abdruck des Siegels des jüdischen Gemeinde Regensburg.
1390 forderte König Wenzel jüdische Pfänder zurück; es kam zu Haussuchungen. Mitte Februar 1391 wurden die Juden aus dem Gebiet der heutigen Oberpfalz vertrieben (1450 kehrten sie zurück). Buß- und Bekehrungspredigten (Johannes von Capistrano 1452; Petrus Nigri 1474) heizten in Regensburg die Stimmung gegen die Juden auf. Dies führte zu Zwischenfällen. 1460 wurde der berühmte Talmudist Rabbi Israel Bruna kurz inhaftiert, 1470 der Vorsänger Kalman verurteilt, am 9.3.1474 ein Jude Mosse als „Giftmischer“ verbrannt. Das Klima in Regensburg schlug um.

Der Konvertit Hans Vayol bezichtigte 1474 Rabbi Israel Bruna des Ritualmordes an einem Christenkind, doch auf Intervention Kaiser Friedrichs III. kam er wieder frei. Der Trienter Ritualmordprozess fachte die Glut in Regensburg wieder an. 1476 wurden 17 Juden in Regensburg inhaftiert, aber der Kaiser verlangte ihre Freilassung. Eine bayerische Rabbinersynode in Nürnberg versuchte die Rettung der Gefangenen.

Die Stadt gab die Inhaftierung als „Schutzhaft“ aus. 1480 entließ man die Inhaftierten bei folgender Finanzregelung:
Der Kaiser kassierte 10000 Gulden Lösegeld, der Stadtrad 8000.
Die 17 Gefangenen mussten erklären, die Haftfolgen und ihren wirtschaftlichen Ruin (während 4,5 Jahre Haft) nicht an der Stadt zu rächen.

Die Katastrophe war vorübergegangen, aber vorprogrammiert in einer Stadt, die vom wirtschaftlichen Niedergang gezeichnet war. Seit 1470 erfolgte gewissermaßen eine Vertreibung auf Raten.1516 kam Dr. Balthasar Huebmaier (1484-1528) als Domprediger nach Regensburg, ein fanatischer Antisemit. Der Kaiser schickte ihn wegen seiner Predigten ins Exil, aber zu schnell kam er zurück.

Als Kaiser Maximilian I. am 12. Januar 1519 starb, nutzen die Regensburger das Interim zur Vertreibung der Juden, die der Stadtrat am 21. Februar 1519 beschloss. Der Maler Albrecht Altdorfer fertigte zwei Skizzen, bevor die Synagoge niedergerissen wurde. Bis 25. Februar (verlängert um acht Tage) mussten alle Juden die Stadt verlassen.

Pfänder wurden beschlagnahmt; Kranke und Wöchnerinnen, auf ein Floß gesetzt, ließen bei der Vertreibung ihr Leben. Ghetto, Synagoge und Schule wurden ein Ruinenhaufen; die Menge schändete auch den Friedhof mit seinen ca.4200 Grabsteinen, die über die ganze Stadt, bis Kelheim, Cham und in die umliegenden Pfarreien verstreut wurden (heute sind 58 davon bekannt bzw. existieren in Abschriften). Volkslied und Flugblatt erinnern an das Regensburger Pogrom, bei dem ca.500 Juden und 80 Schüler der Talmudschule vertrieben wurden.

Die Ausgewiesenen gingen nach Sallern (von da 1577 weitervertrieben), nach Stadt-am-Hof (von da 1555 vertrieben; an beiden Stätten gab es angeblich eine Synagoge), ein Teil ging nach Tirol und ein Teil nach Polen. Die Pergament-Handschriften der Bibliothek der Talmudschule wurden konfisziert und als Einbindmaterial für Akten und Bücher (z.B. des Buchbestands des Schottenklosters) gebraucht. Unter den bisher sieben wiederentdeckten sind 5 Talmudtexte, ein Fragment einer Bußliedersammlung und (1985 entdeckt) ein längeres Stück Nizzachon vetus. einer Auseinandersetzung mit der christlichen Bibelauslegung, die im Diözesanarchiv aufbewahrt werden.